Masche für Masche zum Kunst (Bau)werk

Ausstellung „Wert und Wandel der Korallen“

Wer denkt, Baden-Baden sei eher traditionell und kein Ort für künstlerische Avantgarde, der wird zurzeit eines Besseren belehrt. Im Museum Frieder Burda findet die Ausstellung „Wert und Wandel der Korallen“ von Margaret und Christine Wertheim statt. Der Titel klingt zwar erst einmal sehr akademisch, aber ich kann Sie beruhigen. Es ist ein poetisches, faszinierendes, phantasievolles, farbenfrohes, positives, witziges, großzügiges und inspirierendes Crowd Art-Projekt, das an den Künstler/ die Künstlerin in uns allen appelliert – sowohl an alle Kunstschaffenden und Rezipient:innen.

Kurz zu den Exponaten und dem Konzept der Ausstellung: Margaret und Christine Wertheim haben über social media dazu aufgerufen, „Korallen“ zu häkeln. Jeder konnte mitmachen und eine Handarbeit einsenden. Gerechnet haben sie mit vielleicht 3.000 Einsendung, es wurden über 50.000. Aus all den Handarbeiten – und wirklich keine einzige wurde aussortiert – wurden die in der Ausstellung zu bestaunenden großartigen „Korallenriffe“ gebaut.

Wo ist hier nun der Bezug zur Architektur? Es gibt viele Aspekte, im Grunde weiß ich nicht wo ich anfangen soll.

Häkeln ist eine traditionelle Handwerkstechnik. Durch die Ausstellung wird sie von ihrem angestaubten Image befreit und wirkt auf einmal innovativ. Wenn ich mir diesen Mechanismus bei allen traditionellen Bautechniken vorstelle, dann bekommen wir großartige Architektur. Ähnlich wie in der Architektur ist die den Häkelobjekten zugrunde liegende Mathematik oft sehr komplex. Durch die Ausstellung wird das anschaulich und Ingenieurwissenschaften bekommen eine lebendige Seite.

 

Korallenriffen und Lebensgemeinschaften

Stadtplanerische Fragestellungen werden aufgegriffen, denn die Lebensgemeinschaften in Korallenriffen sind vielfältig und symbiotisch. Den sozialen Fragen nach unserem Zusammenleben und der dafür nötigen Architektur können wir bei der Betrachtung der Exponate intuitiv ~ nachspüren anstatt sie ausschließlich intellektuell zu verhandeln. Der kooperative Anteil des Korallen-Projektes zeigt ganz plakativ, was wir zu bauen fähig sind, wenn wir viele sind.

Wenn also das Regierungsziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr wahr werden soll, müssen wir unbedingt mehr auf kooperative Formate setzen.

Die ganze Ausstellung schreit: ,,Mach mit“. Sie ist ein enthusiastisches Fest und wer sie gesehen hat, ist motiviert zu bauen, was das Zeug hält. Alleine oder in Gemeinschaft können wir Schottergärten renaturieren, Bewässerungs-Patenschaften für kommunale Bäume übernehmen, Solaranlagen montieren, Versiegelungen aufbrechen, Dächer dämmen, Dachgeschosse ausbauen, Autos teilen, Wohnraum schaffen … zusammen leben und ganz nebenbei noch Korallenriffe retten.